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Katalog "Die Sprache der Farbe" mit Werken von Brigitte Struif
zur Ausstellung in der Westerwaldbank Hachenburg

Text von Gudrun von Schoenebeck M.A., Kunsthistorikerin, Kulturjournalistin, Oktober 2011

Es ist ein Farbereignis, das sich auf der Leinwand abspielt. Strahlendes Türkisblau, begleitet von verschiedenen Grüntönen, leuchtendem Weiß und einem hellen Ocker beherrscht die Szene, in der verschiedene Violett- und Veilchentöne ihren großen Auftritt bekommen. Die Serie „Feeling Violet“ von Brigitte Struif setzt sich mit einer Farbe auseinander, die sowohl modisch aktuell als auch kulturgeschichtlich tief verwurzelt ist. Sie erforscht ihre Möglichkeiten, ihre optischen Qualitäten und metaphorischen Assoziationen. Flächige Formen ähnlich schwebenden Tüchern wechseln sich ab mit rundlich geschwungenen Linien und kleinen blütenartigen Ovalen. Durchkreuzt, gefasst und gehalten wird dies durch zarte schwarze Linien, die die farbigen Formen einfassen, ohne sie einzuengen. Brigitte Struif arbeitet mit Komplementärkontrasten, wenn etwa ein helles Grün und Magenta, die im Farbspektrum gegenüber liegen, im Bild aufeinander treffen und sich gegenseitig in ihrer Leuchtkraft verstärken. Mit verschiedenen Tonwerten, also Helligkeitswerten der Farben, setzt die Malerin geschickt Akzente, etwa wenn unvermittelt ein dunkles Grün am unteren Bildrand auftaucht.

Eine außerordentliche malerische Könnerschaft, geleitet von Intuition und gedanklicher Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Themen, sind die Zutaten in Brigitte Struifs Bildern. Dass der Betrachter rein formal in die Bildwelt einsteigen, von immer wieder anderen Ausgangspunkten die vielschichtige Komposition erkunden kann, ist nur eine von mehreren Möglichkeiten. In der Serie „Feeling Violet“, die Bilder IV und V sind 2011 entstanden, spürt die Malerin der Farbe Violett, die zwischen den gegensätzlichen Qualitäten von Rot und Blau liegt, auch inhaltlich nach. Violett als „Zeitgefühl in Farbe“, wie Brigitte Struif es nennt, kann als Synonym für die Ambivalenz des gegenwärtigen Zeitgeistes stehen. Die Farbe, im 19. Jahrhundert von der Frauenbewegung (wieder)entdeckt, ist ein Symbol für die Gleichbehandlung der Geschlechter, für die Verbindung von Ruhe und Aktivitität, von Sinnlichkeit und Geist. Auch die Modeindustrie dieser Tage hat die gesamte Skala der Blau-Rot-Mischung – von Aubergine, Brombeer, Violett, Lila und Magenta bis hin zum helleren Pink – als aktuelle Trendfarbe erkoren.
In der christlichen Welt hat Violett eine lange Tradition als Farbe der Besinnung und Spiritualität und wird während der Fastenzeit und im Advent eingesetzt. Es zeichnet Brigitte Struifs Bilder aus, dass dies alles und, je nach persönlicher Assoziationstiefe des Betrachters, noch viel mehr, in ihnen angelegt ist. Jedoch ohne die Interpretation vorwegzunehmen oder gar vorzugeben.

Brigitte Struif schöpft ihre Inspiration aus den unterschiedlichsten Quellen. Die Unterscheidung zwischen realer Welt, Erlebtem, Gedachtem und Gefühltem ist dabei unerheblich. Eine Nachricht im Fernsehn, eine Begegnung während einer Reise, eine persönliche Emotion oder eine kulturhistorische Reminiszenz – Ausgangspunkte für Bildideen gibt es unendlich viele. Sodann versteht es die Künstlerin, aus Anleihen und Andeutungen der realen Dingwelt, der abstrahierenden Sprache der Farben und Formen und dem sorgsam gewählten Bildtitel eine eigene, einzigartige Bildwelt zu erschaffen, die den Betrachter einlädt, sich darin zu vertiefen.

Etwa in der großformatigen Arbeit „Commedia dell’ Arte“ von 2009. Schon das deutliche Querformat lässt gleichsam einen Bühnenraum erstehen, auf dem sich die farbenfrohe Verwechslungs- oder Liebeskomödie vor unseren Augen abspielt. Die italienische Commedia dell’ Arte als ein stilisiertes Maskentheater mit immer wiederkehrenden auf ihre Rollen festgelegte Stereotypen interpretiert Brigitte Struif völlig frei. Statt Harlekin und Colombina lässt sie den starken Farben den Vortritt. Es begegnen sich ein dunkles Blau, ein zartes Grün und unterschiedliche Violett-Töne. Analog zum Charakteristikum der italienisch-rasanten Komödie, in der die Schauspieler ohne festgelegten Text sprachen und daher ihrem Improvisationstalent viel Spielraum lassen konnten, hat auch die Künstlerin ihren assoziativen Freiraum genutzt. Und doch entdeckt man, am unteren mittleren Bildrand, eine der Masken, wie sie typischerweise als Requisite zur Commedia dell’ Arte gehörten.

Nicht immer jedoch stattet Brigitte Struif ihre Geschichten mit derselben Detailfreude aus. Manche Themen, so scheint es, wollen klarer und mit einem eher sprödem Charme ausgesprochen werden. Das gilt zum Beispiel für die 2006 entstandene Arbeit „Interimistisch“. Man kommt nicht umhin, die Wortbedeutung des Titels, die im allgemeinen Sinne eine Übergangszeit, eine Zwischenlösung meint, auch für die Bildkomposition anzuwenden. Das fällt nicht schwer, denn Brigitte Struif arbeitet mit kantigen, sich deutlich abgrenzenden Formen und viel Weißraum, der ein Dazwischen überhaupt erst möglich macht. Braunrot und Schwarz dominieren die Stimmung des Bildes, ein abgetöntes Blau akzentuiert die Grenze zum Weiß. An welche Art von Zwischenzustand man hier denken möchte, überlässt die Malerin dem Betrachter. Manchem mag die Politik und deren Übergangsregierungen einfallen. Jemand anders sieht sich vielleicht im privaten Bereich mit einer Interimslösung konfrontiert.

Eine Liste mit Inspirationsquellen von Brgitte Struif wäre unvollständig, würde darin die Natur fehlen. In zahlreichen Werken greift die Künstlerin den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen auf, den Rhythmus von Wachsen und Verblühen, das Miteinander von Ordnung und Chaos. Auch in diesen Bildern wird, wenn man so will, etwas erzählt. Hier geht es um die Energien und Kräfte der Erde, von der Ankündigung des Frühlings, von den Farben der Wüste oder vom Leben unter der Wasseroberfläche. Ein recht junges Bild aus diesem Jahr erinnert an die „Sommerhitze flirrend“. Rote und orangefarbene Blüten vor türkis-grauem Hintergrund beschwören die Leichtigkeit eines heißen Sommertages, in dessen Schönheit die Vergänglichkeit bereits angelegt ist. Ein Memento-mori-Motiv, das Brigitte Struif als Stillleben in heiteren Farben angelegt hat.

Brigitte Struif ist eine Malerin, die ihre ureigene Bildsprache gefunden hat. Der intuitive und absolut sichere Umgang mit der Farbe als einem bestimmenden Bildelement in Verbindung mit der Zeichnung als grafischer Bereicherung, die durchaus eigenständige Wege im Bild gehen kann, zeugt von großer Souveränität in der Verwendung der kompositorischen Mittel. Hinzu kommt der persönliche Duktus und technisch versierte Auftrag der Farbe, die in lasierenden Schichten übereinander gelegt wird und so aus der Tiefe heraus wirken kann. Im Bild entsteht eine Komplexität, die als räumliche Farbwirkung spürbar wird und sich, ohne Anwendung klassischer perspektivischer Mittel, aus der Flächigkeit des Bildträgers löst.

Ähnliche Aussagen lassen sich auf inhaltlicher Ebene treffen. Brigitte Struifs Beschäftigung mit bestimmten Themen lässt sich schon allein aus den Bildtiteln ablesen. Wir erfahren, was ihr wichtig genug war, um es in einem Bild aufzugreifen und zu verarbeiten. Wie weit sie sich dafür aus der erkennbaren Dingwelt in die Abstraktion zurückzieht, ist sehr unterschiedlich. Dass dabei keine Interpretation der täglichen Nachrichten, keine Nacherzählung der Natur oder gefühlsbeladene Gute-Laune-Bilder entstehen, sondern vielschichtige Kompositionen, die dem Betrachter eigene Assoziationen, Emotionen und Gedanken nicht nur erlauben, sondern ihn geradezu dazu ermuntern, ist die Kunst in Brigitte Struifs Malerei.

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Einführung von Dr. Heidrun Wirth, Kunsthisthorikerin und Kunstjournalistin, Bonn
(Auszug)

15 Künstler und Künstlerinnen aus dem Bezirksverband Bildender Künstler und Künstlerinnen Bonn im Bundesrechnungshof, Konrad-Adenauer-Allee, Bonn

Ekkehard Drefke
Dierk Engelken
Irina Enss
Sabine Fernkorn
Dorothee von Glinski
Margrit Gloger
Cornelia Harss
Hilla Jablonsky
Rose Kretschmar
Jo Kuhn
Gisela Mack
Giesela Schwarz
Ragna Sichelschmidt
Brigitte Struif
Wolfgang Ulbrich


Beide Seiten, der BBK (Bezirksverband Bonn) und der für die Kunst aufgeschlossene Bundesrechnungshof haben sich der An- strengung unterzogen, Künstler und Kunstwerke auszusuchen, sie ins Haus zu holen, zu hängen usw. Gute Ideen gab es auf beiden Seiten, getragen von einem Elan, der über das bloß Notwendige hinausgeht. Doch schwerer als diese Ideen zu haben ist vielleicht sie wahr werden zu lassen, sie umzusetzen - das ist dann der harte Vorlauf einer Ausstellung.
   Eine Idee + spielerische Funktionslust + fester Wille durchzuhalten, das sind zugleich aber auch Bestimmungsstücke für die Kunst selbst, wie ich sie Ihnen nun 15fach vorstellen will...
    .....Mitten in Farbe führen wiederum die Bildblöcke von Brigitte Struif aus Hachenburg. Ganz Malerin spricht sie selbst von “lustvoll tiefem Rot”, das “zu schmecken zu sehen” ist, hier fasst eine Künstlerin die Bedeutung, die die Farbe für sie hat, in eigene Worte. Paraphrasiert durch grafische Elemente, weiß sie es jedoch so einzurichten, dass gerade keine realistischen Reminiszenzen entstehen. Was aber nicht sagt, dass wir dennoch bei ihrem dreiteiligen Bild mit dem Titel “Coquille rouge”, “rote Muschel” auch an ein rotes gewölbtes Tuch oder an ein flott
es Segel denken. Vielleicht kann der Mensch gar nicht ohne einen (semantischen) Bedeutungshintergrund leben...

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Einführung in die Ausstellung mit Werken von Brigitte Struif im Kulturhaus Hamm (Sieg)
am 17. Februar 2008 - Gudrun von Schoenebeck M.A.

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Frau Struif,

ich freue mich, heute die einführenden Worte für diese Aus- stellung sprechen zu dürfen.
Dies umso mehr, wenn man erleben kann, wie sich ein Kul- turhaus, das ja für die Menschen gebaut worden ist, mit Kultur, mit Kunst und mit Menschen, die dies genießen wollen, füllt.
Es ist nun nicht so, dass ich die Künstlerin und ihre Arbeiten schon seit vielen Jahren kennen würde. Im Gegenteil: Brigitte Struif bin ich vor kurzem zum ersten Mal in Vorbereitung zu dieser Ausstellung begegnet. Als ich sie in ihrem Atelier be- suchte und wir über ihre Arbeiten sprachen, war ich ehrlich verblüfft, als ich hörte, dass sie sich erst seit rund fünf Jahren intensiv mit der Malerei beschäftigt hat. Ich hätte geschwo- ren, dass ihre Bilder das Ergebnis eines künstlerischen Entwicklungsprozesses sind, für den die meisten Künstler viele Jahre benötigen.
Als ich sie auf diese Beobachtung ansprach, wirkte Brigitte Struif gar nicht erstaunt. Sie habe immer gewusst, dass irgendetwas raus will, sagte sie, dass ihre ständig nach- wachsenden Ideen sich in Farbe materialisieren wollten. Für sie schien es also ganz normal zu sein, dass etwas, was sich über lange Zeit in ihrem Innern entwickelt hatte, nun endlich eine Form erhalten durfte.
Ihren künstlerischen Gestaltungswillen hat Brigitte Struif schon vor vielen Jahren für sich entdeckt. Gemalt habe sie immer und sich für Kunst interessiert, wie sie sagt. Aber erst in den letzten Jahren, als Platz und Zeit endlich vorhanden waren, ist aus dem begleitenden Nebenbei eine Hauptsache geworden. Und die Energie, mit der Brigitte Struif nun begann, ihre inneren Bilder auf die Leinwand umzusetzen, ist unmit- telbar in den Werken zu spüren.
Kurse, die die Künstlerin im Zeichnen oder Aquarellmalen besuchte, haben, ebenso wie etliche Workshops an Akade- mien, sicher manche technische oder gestalterische Frage beantwortet. Ihren individuellen Stil, ihr künstlerisches Aus- drucksvermögen hat Brigitte Struif jedoch sehr schnell und, wie es scheint, sehr selbstständig gefunden.
Nähern wir uns den Bildern dieser Ausstellung zunächst über die Wahl der Themen und Motive. Hinweise dazu finden wir bei den Bildtiteln, die von der Künstlerin stets sorgfältig aus- gewählt werden. „Das Ohr des Dionysos“, „Tulpe“, „Atacama“ oder „Under the surface“ – diese Titel beziehen sich auf kon- krete Dinge, denen Brigitte Struif begegnet ist.
Daneben findet man mindestens genauso oft abstrahierende Bezeichnungen wie „Gedankenknoten“ – es ist das Bild von der Einladungskarte – „Gefühltes Rot“, „Broken Blue“ oder „Angst vor den Nachrichten“. Hier ist der Auslöser für den Bildanlass eine innere Wirklichkeit gewesen, die dennoch nicht weniger real ist, als eine Sache, die wir mit den Augen sehen können.
Die Unterscheidung zwischen der objektiv erfassbaren Reali- tät und der inneren Welt des Menschen mit all seinen Emoti- onen und Gedanken ist für zeitgenössische Künstler eine Kategorie, die zu vernachlässigen ist. Das gilt auch für Bri- gitte Struif. Beides, die Welt vor ihrem äußeren und vor ihrem inneren Auge sind für ihre Kunst gleichermaßen von Bedeu- tung.
Wenn wir uns nun einige der Bilder etwas genauer anschau- en, werden wir deutliche Reminiszenzen an die reale Welt entdecken. Dies aber nur als Ausgangspunkt für eine eigen- ständige Bildkomposition, die ihre Berechtigung nicht als Ab- bild der Wirklichkeit, sondern als künstlerische Sichtbarmach- ung der Wirklichkeit erhält.
Das, was ich meine, hat der große deutsche Expressionist Franz Marc in seinen Worten gesagt. Einmal wurde er in sei- nem Atelier von einer Dame besucht, die sich über ein Bild empörte, auf dem einige Pferde in leuchtendem Blau zu sehen waren. Auf ihren, eigentlich ja berechtigten Einwand: „Pferde sind nicht blau“ entgegnete Marc lapidar: „Ich male keine Pferde, ich male Bilder.“
Für ihr Bild „Das Ohr des Dionysos“ ließ sich Brigitte Struif durch eine Sizilien-Reise anregen. Dort, im archäologischen Park von Syrakus liegen die antiken Steinbrüche mit der be- rühmten Grotte „Das Ohr des Dionysos“. Der Legende nach soll der Tyrann Dionysos in der Grotte, die durch ihre außer- gewöhnliche Akustik und Form bekannt wurde, seine Gefan- genen belauscht haben. In der malerischen Umsetzung des Themas werden Sie Anspielungen auf den Steinbruch als Ort der Sklavenarbeit finden, eine Gruppe von Gestalten zieht diagonal durch den Bildraum, angedeutete Säulen verweisen auf die Tempel, die aus diesen Steinen errichtet wurden.

 In der Arbeit „Samson und Delila“ nimmt die Künstlerin sich eines Stoffes aus dem Alten Testament an. Sie kennen die Geschichte von Samson, dessen Haare die Quelle für seine übermenschlichen Körperkräfte sind. Als seine Geliebte Delila das Geheimnis seiner Stärke entdeckt und ihn an die Philister verrät, wird er zum tragischen Helden.
Weibliche Verführungskunst und männliche Stärke, Verrat und Liebe, Zerstörung und Rache sind die Themen. Brigitte Struif sieht Samson und Delila als miteinander verstrickte und doch entgegen gesetzte Kraftfelder.
Häufiger noch als diese beiden Beispiele für erzählende Arbeiten, lässt sich die Künstlerin von der Natur inspirieren. Etliche Werke greifen den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen auf, den Rhythmus von Wachsen und Verblühen, das Miteinander von Ordnung und Chaos. Auch in diesen Bildern wird, wenn man so will, etwas erzählt. Die Künstlerin erzählt von den Energien und Kräften der Erde, von der Ankündigung des Frühlings oder vom Leben unter der Wasserober- fläche.
Im Bild der „Tulpe“ beherrscht die große weiße Blüte eine Komposition voller Dynamik. Zwischen der zarten Pflanze und den gesteinsartigen Formationen in starkem Blau und leuchtendem Türkis entwickelt sich die inhaltliche Spannung des Bildes. Formal balanciert Brigitte Struif trittsicher auf dem schmalen Weg zwischen Abstraktion und Gegen- ständlichkeit. Ein Weg, der dem Betrachter Angebote macht und ihm gleichzeitig die Freiheit der eigenen Anschauung souverän überlässt.

Ähnliches gilt für das vierteilige Bild „Atacama“. Die Atacama ist eine Wüstenregion im Norden Chiles, in der es alle sechs bis zehn Jahre zu heftigen Niederschlägen kommt, die für kurze Zeit die Wüste erblühen lassen. Das Aufeinander- treffen von extremer Trockenheit und dem Regen, der Leben bringen wird, zwischen der erstarrten Erde und dem fließen- den Wasser – all das kann man im stark vertikalen Bildauf- bau, in dem Gegensatz vom Blau des Wassers und dem Gelb und Ocker der Erde wiederfinden.
Wenn wir nun noch einen Blick auf die malerischen Mittel, die Brigitte Struif einsetzt, werfen, steht sofort recht dominant die Farbe im Fokus der Aufmerksamkeit. Da ist vor allem das Blau in allen Intensitäten und Schattierungen: vom luftig- zarten Hellblau über das gesättigte Königsblau bis zum grünlichen Türkisblau ist es die erklärte Lieblingsfarbe der Malerin. Wenn Sie sich die Bilder der Ausstellung einmal nur unter dem Aspekt der farblichen Gestaltung anschauen, werden Sie feststellen, wie stark die Wirkung der Farbe von seiner Umgebung abhängig ist. Das Blau in Verbindung mit einem strahlenden Weiß ergibt für die Gefühlswelt des Bildes völlig andere Voraussetzungen als ein Blau, dass beispiels- weise auf die dominante energiereiche Farbe Rot trifft.
Brigitte Struif trägt alle Farben in lasierenden Schichten auf. Was Sie auf der Bildoberfläche sehen ist also immer ein Zusammenwirken mehrerer Farben aus der Tiefe heraus. Die so entstandene Komplexität ist nicht so sehr sichtbar, son- dern vielmehr spürbar als eine räumliche Farb- wirkung, die sich von der Flächigkeit des Bildträgers, der Leinwand, löst. 
Gehalten, geformt und strukturiert wird die Farbe durch die Linie. Meistens, nicht immer, ist sie schwarz. Innerhalb des Entstehungs- prozesses des Bildes kommt die Zeichnung spät zum Einsatz. Erst wenn die Farben, die Flächen und Formen bereits angelegt sind, setzt die Zeichnung Akzente. Mal um- randet sie eine farbige Fläche und markiert sie als isolierte Form, mal trennt sie verschiedene Bildbereiche in breitem Pinselstrich voneinander ab und mal zuckt sie als schwarze Linie eigenständig durch die Komposition.
Im Bild „Gedankenknoten“ hat sich die schwarze Linie zu einem Knäuel verdichtet. Einer Form, die verschiedene Richtungen einschlagen kann – gehalten zwischen Sachl
ichkeit und Emotionalität.
Und im dreiteiligen Bild „Angst vor den Nachrichten“ taucht das Schwarz als strukturierende Linie und als Flächenfarbe auf. Brigitte Struif hat hier den Blick von ganz weit oben auf unsere Welt gerichtet. Es ist die Position einer Beobachterin im Weltall, die mit kritischer Distanz Wasser, Vegetation und Boden unterscheidet, die bevölkerte und unberührte Gebie- te sieht. Die Nachrichten, die von den Menschen dort unten jeden Tag aufs Neue verbreitet werden und die selten gute Nachrichten sind, hat die Beobachterin auf ihrem weit entfernten Posten zumindest bildlich einmal hinter sich gelassen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich wünsche Ihnen viel Freude in dieser Ausstellung.

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Liebesp

Liebespaar in Bodrum

AscotLad

Ascot-Lady

Traenenl

Tränenregenlabyrinth

Surf1u2

Under The Surface I u. II

Surf3u4

Under The Surface III u.IV

FloralEn

Floral Energy

Rede von Dr. Helmut Orpel,
Herausgeber der Zeitschrift ARTProfil,
zur Eröffnung der Ausstellung in der Westerwald Bank
in Hachenburg
"Dynamische Abstraktionen" von Brigitte Struif
am 6. März 2005 (Auszug)


Brigitte Struifs Bilder beeindrucken durch ihre Farben und Formen, welche zwischen Abstraktion und Konkretion schweben. Sie sprechen vor allem durch den dynamischen Duktus und Gestus an.
Beim Gang durch die Ausstellung und beim Vergleich der einzelnen Bildwerke bemerkt man rasch das Changieren der Malerei zwischen abstrakten und figurativen Kompositionen. So finden wir vor allem zwei sehr ausdrucksstarke Figurenbilder mit den Werken "Liebespaar in Bodrum" und "Ascot Lady". Hierbei erweist sich die Sicherheit, die Brigitte Struif durch die Erfahrung auf dem Gebiet der Zeichnung erlangt hat. Die Zeichnung ist ein sicheres Terrain, auf dessen Basis sich der Bildraum in unendliche Tiefen erweitern lässt.

Im Zentrum des Schaffens steht das Wechselspiel zwischen Andeutung und Ausarbeitung eines malerischen Themas. Dar- aus entstehen Energieströme, die sich in den Raum hinein erweitern und die den Betrachter gefangen nehmen. Diese Art der Malerei ist als poetisch zu bezeichnen, denn parallel zur Dichtung haben wir es hier mit künstlerischen Universen zu tun, die aus der Alltagswelt herausführen. Wir sind gefordert, unsere Sinne zu schärfen und gewohnte Denk-, Seh- und Wahrnehmungsmechanismen hinter uns zu lassen.

Diese Nähe zur Poesie wird von Brigitte Struif nicht zuletzt dadurch unterstrichen, dass sie an mehreren ihrer Werke Texte von Dichtern angebracht hat, von Christian Jung zum Beispiel (Tränenregenlabyrinth) oder von dem bekannten Essayisten Hans Magnus Enzensberger (Das Nelkenfeld). Ihre Bilder sind keine Interpretationen dieser Gedichte, sondern vielmehr kongenial geschaffene Parallelkompositionen.

Der Malerin geht es im Wesentlichen um den Zustand unter der Oberfläche der Erscheinung. Ganz programmatisch und auch als Beleg dafür ist der Zyklus " Under The Surface".

Die Einbeziehung des Entstehungsprozesses in die Deutung der Bilder von Brigitte Struif ist sehr hilfreich und lässt Rückschlüsse auf den spontanen Charakter ihrer Motivwahl zu: Am Anfang des Malprozesses steht hier nicht die durchdachte Komposition. Sie macht keine Vorzeichnungen und nähert sich ihrem Thema in einem dialogischen Prozess, der zunächst von einem vagen Gedanken, einem Impuls oder einem Anstoß ausgeht. Im Laufe des Malaktes verdichtet sich durch die beschriebenen Über- arbeitungen der Bildinhalt immer weiter und erfährt dabei wesentliche Veränderungen. Formen werden aufgebrochen und so mit Energie auf- geladen.
Durch diesen Prozess entstehen vielfältige Überlagerungen, die auf interessante Art und Weise miteinander korrespondieren oder sich am Ende gar durchdringen. Spannung entsteht, die im fertigen Resultat kenntlich bleibt. Die klassische Zentralperspektive, aus der heraus wir gewohnt sind, Bilder zu deuten, ist dabei obsolet geworden.
Mehrere Blickwinkel können ineinander verwoben sein. Bei dem dafür charakteristischen Werk "Floral Energy" meint man sogar, eine geheimnisvolle Landschaft mit einem Flugzeug zu überfliegen und aus großer Höhe heraus die Besonderheiten dieser Landschaft wahrzunehmen. Hier entsteht Energie unmittelbar aus der Farbe heraus. Die Linien, die sich dabei als formgebend erweisen, werden im weiteren Verlauf des Malaktes gesprengt, weil sich die zeichnerische Komposition oft als zu eng herausstellt.
Mit "Universe Blue" und "Universe Purple" haben wir es mit Arbeiten zu tun, die beinahe ohne jegliche Form zurecht kommen und uns gleichsam zu den Urgründen führen, die vor der Form liegen - also unter der Oberfläche verborgen. Die Farbe strebt permanent über die ihr nur zeitweise gegebene Form hinaus und dehnt sich in den unbestimmten und unbe- grenzt erscheinenden Raum weiter aus.
Das vierteilige Werk "Atacama" ist ein Beispiel für die Inspiration der Landschaft. Die Atacama-Wüste in Chile ist eine der heißesten Wüsten dieser Erde. Hinzu kommt, dass hier die heiße Luft der Wüste mit den kalten, antarktischen Luftströmungen zusammentrifft. Wieder geht es hier also um unsichtbare Prozesse, die zu Bildern verarbeitet werden; es geht um Energieströme und Wärmeaustausch, wie er für diese Land- schaft charakteristisch ist.
Von besonders intensiver Farb- und somit energetischer Wirkung ist das Werk "Liaison". Das Zentrum ist nach links verschoben. Ich möchte speziell hierbei auf das Format verweisen, das auf materielle Art und Weise die Grenzen des Bildes definiert und der Malerei dadurch eine endgültige Form gibt. Letztendlich wird hier aber durch die Kraft der Farbe diese Einschränkung wieder gesprengt und wirkt über die Formatgrenze hinaus
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UnivBlue

Universe Blue

UnivPurp

Universe Purple

Atacaman

Atacama

Liaison

Liaison

 

ende